

Zug um Zug
Aufführungen und körperliches Wissen in der Psychotherapie
pp. 9-19
in: Monika Ankele, Sophie Ledebur, Céline Kaiser (eds), Aufführen – Aufzeichnen – Anordnen, Berlin, Springer, 2019Abstract
Ob sich zwei Bekannte in der Fußgängerzone begegnen, ob Wartende in die eben eingefahrene U-Bahn drängen, ob Liebende sich darüber verständigen, ob sie sich im nächsten Moment küssen wollen – weder in dem einen noch in dem anderen Fall benötigen die beteiligten Personen dazu viele Worte; vielmehr regulieren sie ihr momentanes Miteinander überwiegend mithilfe körperlichen oder leiblichen Wissens. Dieses Wissen ist kein sprachfähiges, sondern unbewusstes Wissen, vergleichbar dem Wissen, das dazu befähigt, Fahrrad zu fahren, zu tanzen, zu schwimmen o. ä. Auch im Behandlungszimmer des Psychotherapeuten stützen sich die Anwesenden auf unbewusstes körperliches Wissen, wenn sie ihre Interaktion regulieren. Therapeutisch wird dieses Wissen nicht erreicht, indem der Patient in den eigenen seelischen Tiefen schürft, sondern indem der Psychotherapeut dem Patienten als resonantes Gegenüber (Rosa, Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2016) "antwortet" und darin eigenes subjektives Erleben, das der Patient mit seinem Verhalten geweckt hat, selektiv kenntlich macht.